[Rezension] Alles, was wir geben mussten (Kazuo Ishiguro)

Titel: Alles, was wir geben mussten
Originaltitel: Never let me go
Autor: Kazuo Ishiguro
Verlag: btb Verlag
Veröffentlichung: 06. November 2006
Seiten: 352
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Genre: Drama, Dystopie


Inhalt


Ein großer Sportplatz, freundliche Klassenzimmer und getrennte Schlafsäle für Jungen und Mädchen – auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches englisches Internat zu sein. Aber die Lehrer, so engagiert und freundlich sie auch sind, heißen hier Aufseher, und sie lassen die Kinder früh spüren, dass sie für eine besondere Zukunft ausersehen sind. Dieses Gefühl hält Kathy, Ruth und Tommy durch alle Stürme der Pubertät und Verwirrungen der Liebe zusammen – bis es an der Zeit ist, ihrer wahren Bestimmung zu folgen …



Meine Meinung

Wenn man den Klappentext sieht, dann erwartet man eine große Revolution, Aufstände, Auserkorene, die die Welt retten sollen oder ähnliche Dinge, die man aus modernen Dystopien wie "Tribute von Panem" oder "Divergent" kennt. Aber bei "Alles, was wir geben mussten" erwartet einen eine ruhige, irgendwie menschlichere Form einer Dystopie. Wer hier mit rasanten Kämpfen und einer großen Revolution rechnet, der ist fehl am Platz.

Erst nach und nach und wird dem Leser überhaupt bewusst, um was eigentlich geht, was diese Bestimmung ist, die den Charakteren auferlegt wurde. Sonst liest es sich eher wie ein Charakterdrama, bei dem man der Hauptcharakterin Kathy in Ich-Perspektive durch eine Erzählung von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter folgt, immer begleitet von ihren besten Freunden Ruth und Tommy.

Eigentlich bin ich kein Fan von Büchern, die in der Ich-Perspektive geschrieben sind, aber in diesem Fall gelingt diese Gradwanderung, weil Kathy als so aufmerksame Person beschrieben wird, dass sie dem Leser immer wieder mitteilt, wie die anderen Personen reagieren und was sie ihrer Meinung nach denken. Das könnte billig rüberkommen, wirkt aber nicht so und schafft ein gutes Bild von Kathy und ihrer doch eher sonderbaren Welt und den Menschen, mit denen sie zu tun hat.

Der Schreibstil allgemein ist sehr detailliert, aber nicht detailverliebt. Ich könnte verstehen, wenn man manchmal Schwierigkeiten hat, dem Buch zu folgen, aber da es die Erzählungen einer Frau sind, die auf ihr Leben zurückblickt, wird durch Themenwechsel und Umformulierungen mitten im Satz dieses Bild nur noch umso besser umgesetzt.

Mein Fazit

Ich muss gestehen, dass ich nicht unvoreingenommen an das Buch gegangen bin: Ich hatte schon lange vorher den Film gesehen habe und deswegen schon die großen Twists des Buchs kannte.

Dennoch war es ein richtig, richtig gutes Buch. Man erfährt erst nach und nach, was es mit der Hailsham-Schule, den Aufsehern, den Kollegiaten und allen anderen Dingen auf sich hat. Dadurch, dass das Buch in drei Teile aufgeteilt ist - quasi Kindheit, Jugend und Erwachsenenzeit der Hauptcharaktere - erfährt man immer nur so viel, wie die Charaktere auch zu dieser Zeit wussten. Durch kleine Anekdoten zwischendrin, die von Kathy als Erzählerin eingeschoben werden, bleibt allerdings immer die unterbewusste Frage offen: "Was hat es damit bloß auf sich?"

Die Thematik, die ich an dieser Stelle nicht verraten mag, um die Offenbarung nicht zu vermiesen, ist nicht für jedermann, ist aber ein Spiegel unserer Gesellschaft, wie er erschreckender nicht sein könnte. Am Ende des Buches stellte sich bei mir die Frage ein, ob es nicht in unserer Welt genau so laufen würde, ob es hier nicht vielleicht auch irgendwo ein Hailsham gibt und wir es nur nicht wahrhaben wollen.

Und am Ende möchte man sich nur an jemandem festhalten, für einen Moment das Leid der Charaktere vergessen und das Lied summen, das dem Buch seinen Namen gegeben hat: Never let me go...





Zum Autor

@ literature.britishcouncil.org
Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er Englisch und Philosophie studierte. Schon sein Erstling »Damals in Nagasaki« wurde mit dem Winifred-Holtby-Award der Royal Society of Literature ausgezeichnet. Es folgten zahlreiche weitere Preise und Auszeichnungen: u.a. der Whitbread Award und der Cheltenham Prize. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller »Was vom Tage übrigblieb«, der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Für »Alles, was wir geben mussten« erhielt Ishiguro 2006 den Corine Preis. Der Autor lebt mit Frau und Kind in London.