[Rezension] Quasikristalle von Eva Menasse



Titel: Quasikristalle 

Originaltitel: -
Autor: Eva Menasse 
Verlag: Kiepenheuer&Witsch 
Veröffentlichung: 14. Februar 2013 
Seiten: 432 Seiten 
Kosten: 19,99 € als Hardcover
Genre: Gegenwartsliteratur

Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, begann als Journalistin beim österreichischen Nachrichtenmagazin Profil. Sie wurde Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und begleitete den Prozess um den Holocaust-Leugner David Irving in London. Nach einem Aufenthalt in Prag arbeitete sie als Kulturkorrespondentin in Wien. Sie lebt seit 2003 als Publizistin und freie Schriftstellerin in Berlin.



 Hand auf's Herz - ich urteile Bücher nach ihren Covern. Und Quasikristalle hat mich förmlich zu sich gerufen! Ehe ich mich versah, war es schon über die Ladentheke gewandert, begleitet von einem lustvollen Seufzen meiner Lieblingsbuchhändlerin.
"Ihr erstes Buch von Frau Menasse?" Ich nicke und sie seufzt erneut. "Ausgezeichnete Wahl. Werden Sie nicht bereuen." Heimlich drückt sie mir einen zweiten Stempel auf mein Bonuskärtchen, wie so oft, wenn sie ins Schwärmen über ein Buch verfällt.

In dreizehn Kapiteln lernen wir die Lebensgeschichte der Xane Molin kennen, begleiten sie von vierzehn Jahren bis in das hohe Alter - stets aus einer anderen Perspektive. Mal aus der Sicht von Menschen, die ihr Nahe stehen: der Vater Kurt, die Stieftochter Viola, die Freundin Krystyna; dann wieder aus der Ferne von ihrem Vermieter und einer Reproduktionsmedizinerin. Nur in der Mitte, Kapitel Sieben, kommt sie selbst zu Wort. In jedem Kapitel erleben wir Xane Molin in einer unterschiedlichen Rolle, mal als Studentin, die ihrem Professor den Kopf verdreht, mal als heillos überforderte Stiefmutter, dann wieder als untreue Ehefrau und zuletzt als Greisin, die einen Neuanfang wagt.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich Quasikristalle nich mehr aus der Hand legen konnte. Einen Spannungsbogen gibt es nicht, aber das habe ich auch beim Kauf nicht erwartet. Ebenso wenig kann ich von mir sagen, dass ich Sympathie für Xane Molin entwickelt habe. Auf mich wirkte sie verbissen, stur, egoistisch (wobei ich an dieser Stelle für eine gesunde Portion Egoismus plädieren muss - das eigene Glück ist immer höher anzusiedeln als das der anderen, sofern niemand dadurch Schaden nimmt). Hier liegt aber auch die Raffinesse des Romans. Dadurch, dass Xane nur einmal selbst zu Wort kommt, erleben wir sie nur in Bruchstücken der Erzählungen anderer. Und die fallen eben nicht immer positiv aus, und schon gar nicht vollständig. Überhaupt lässt das Buch viel Raum für Interpretationen. Ich mochte, wie nah am Leben und subjektiv die Sichtweisen der Erzähler sind. Eva Menasse schafft es, jeder Figur einen anderen Unterton zu verpassen, ohne ihren eigenen Schreibstil dabei zu verlieren. Quasikristalle muss man langsam lesen, bewusst, denn die Details stecken oft in wunderschön ausgeschmückten Nebensätzen.


Schön gesagt: "Sie war ihm vor die Füße gefallen wie Planetenstaub, und schon war sie ihm lieb und nah, ohne dass er das Ende dieses Zusammenseins gefürchtet hätte. Das beste Leben ist das gegenwärtige; aber meistens kommt einem die Gegenwart blass vor, sosass man furchtlos und ermüdend an Vergangenheit und Zukunft herumzupft. Wenn die Gegenwart jedoch aufglüht, dann sollte man sich ihr überlassen, dachte Nelson."

Ich kann Quasikristalle leider nicht uneingeschränkt empfehlen. Es gibt keine fantastische Welten und auch keine mordenden Gärtner. Wer aber beim Lesen gerne etwas gefordert wird und sich auf die experimentelle Schiene wagen möchte, ist hier mit Sicherheit gut aufgehoben. Im Großen und Ganzen habe ich das Buch sehr genossen und bereue den Kauf in keinster Weise. Erst am Schluss ergab sich für mich ein stimmiges Bild des verworrenen Romans, und letztlich ist es das, was der Titel verspricht: ein Quasikristall.

Ohai, übrigens! Mein Name ist Mille und ihr lest hier in Zukunft vielleicht öfter mal von mir. Ich habe eine ungesunde Liebe zu dicken Tieren, Daenerys Targaryen und Mechas. Wenn ich wütend bin (oft), backe ich Kuchen (Unmengen) und meine Sorgen (unzählbar) tanze ich einfach weg (exzessiv). Und für Marie und Debbie würde ich jederzeit mein letztes Pony hergeben, sowieso und überhaupt!